Ausgabe 03/99
Speakers
Corner
„Neues”
auf der CeBIT
Die
fünfte und wohl kürzeste „Computer”-Jahreszeit steht uns
nun wieder bevor - die CeBIT ’99. Sechs Tage vom 18. bis 24. März
werden wie alle Jahre wieder die Tore der Messehallen in Hannover für die
weltweit größte Computermesse geöffnet - und die
Zufahrtsstraßen verstopft sein.
Sieht
man die letzten Jahre der CeBIT so kann man schon fast sagen, daß die
EDV- und Kommunikations-Branche selbst diese Messe überflüssig
gemacht hat. Natürlich will es sich niemand so recht eingestehen. Aber
wenn wir mal ehrlich sind, wer hat in den letzten Jahren
wirklich
etwas Neues auf der CeBIT gesehen. Ich meine damit nicht, daß es nicht
einen neuen Prozessor-Prototypen anzuschauen gibt, der jetzt über 1 GHz
(1.000 MHz) getaktet ist und so-und-so-viele Arbeitszyklen pro Sekunde
bewältigen kann. Das einige LCD-Monitore jetzt ein noch schärferes
und eindrucksvolleres Bild darstellen können und einzelne Festplatten
ausgestellt sind, die eine Kapazität und Zugriffsgeschwindigkeit haben,
die noch vor einigen Jahren unvorstellbar waren. Das alles meine ich nicht, ich
meine
wirkliche
Innovationen
- nicht alte Produkte, die nur getunt wurden.
Es
ist doch so, daß Hersteller, die ein neues Produkt entwickelt, haben
nicht mehr bis zur CeBIT warten können, um dieses dann mit Pomp und Gloria
vorzustellen. Wenn heutzutage ein Produkt die Marktreife hat, geht es in den
Handel, frei nach dem Motto: „Wer zuerst kommt, malt zuerst - wer wartet,
den beißen die Hunde”.
Kein
Produzent oder Distributor kann es sich in der heutigen Zeit noch erlauben, mit
einem neuen Produkt bis zur CeBIT zu warten - jeder Tag zählt, je eher was
angeboten wird, je eher gibt es Bares, ein Produkt, was zurückgehalten
wird, verliert.
Lassen
Sie uns doch mal ein geradezu klassisches Beispiel dieser Marktstrategie in
diesem Jahr aufzeigen. Wie Sie ja wissen, hat Intel einen neuen Prozessor, den
Pentium III, entwickelt (letzte Ausgabe CA, Seite 36). Normalerweise
könnte man doch annehmen, daß der Intel-Konzern die CeBIT als
Anlaß zur Markteinführung des Pentium III-Prozessors wahrnimmt. Das
wäre doch die Gelegenheit. Doch die Hardwareschmiede wartet nicht auf die
CeBIT, sie wirbt bereits damit auf diversen Fernsehkanälen und in
Zeitschriften, daß die PCs mit dem neuen Pentium III-Prozessor ab 28.
Februar 1999 verfügbar sein werden. Erinnern Sie sich bitte, die CeBIT
’99 öffnet ihre Pforten am 18. März 1999.
Wie
das gekommen ist, fragen Sie sich? Ganz einfach: Sobald der Handel etwas mit
leuchtenden Lettern in großen 4-Farb-Anzeigen in den Tageszeitungen, im
Radio und/oder Fernsehen als NEU anpreist, „muß” es gut und
besser sein als das „Alte”. Egal, ob es sich dabei um einen noch
schnelleren Prozessor handelt, ein neues Textverarbeitungsprogramm oder um -
selbst wenn dieses umstritten ist - ein neues Betriebssystem. Fast jeder
schielt darauf und giert danach - dabei scheint es unerheblich zu sein, ob
diese „neuen” Produkte einen wirklichen Nutzen bringen - egal,
haben will es jeder.
Man
könnte schon fast meinen, daß es sich hier um eine
Prestige-Angelegenheit handelt und nicht um ein netzbringendes Werkzeug, das
das Arbeitsleben erleichtern soll.
Wer
will sich denn schon der Schmach abends in der Stammkneipe aussetzen - alle
anderen haben mittlerweile einen Pentium II mit mindestens 350 MHz
(ATX-Bauform) und Windows98 installiert, außer Sie - Sie arbeiten noch
mit einem „alten” Pentium (Sockel7) mit 266 MHz und Windows95. Es
werden Ihnen geringschätzige Blicke und abwertende Handbewegungen
entgegengebracht. Sie haben auch keine Grundlage in dem
Erfahrungsgespräch, das ihre „Kumpels” haben, einzusteigen -
Ergo, Sie sind jetzt mit Ihrem „alten” System ein
„Außenseiter”. Sprich, das alte System wird in nächster
Zeit aufgerüstet oder ein Neues gekauft.
Schlimmer
noch ist es bei den Kids und den Jugendlichen in der Schule. Hier geht es schon
längst nicht mehr darum, was man mit einem Rechner so alles machen kann,
sondern nur noch um Leistungszahlen/-Werte. „Mein Rechner macht so-und-so
viel Benchmark, Winbench, Winstone etc. und hat den-und-den Prozessor der
so-und-so schnell ist mit der-und-der Grafikkarte.” Solche und
ähnliche Aussagen höre ich immer häufiger (obwohl meinen
Schulzeit schon mehr als 20 Jahre zurückliegt). Gewertet wird in diesem
Umfeld nicht selten auch der ruckelfreie Ablauf eines Spieles - das ebenfalls
als Maßstab für einen guten Computer gilt - wer’s glaubt...
Dieses
Statusdenken unserer Gesellschaft, bei jung und alt, ist wohl auch die
treibende Kraft für die Hersteller, neue Produkte so schnell als
möglich auf den Markt zu bringen. Und damit ist auch die vorhin gestellte
Frage, wieso es auf der CeBIT nichts Neues gibt, wenigstens zum Teil
beantwortet. Einige Anwenderinnen und Anwender - egal welchen Alters - wollen
immer schneller was Neues um den „gesellschaftlichen Status” zu
halten oder auszubauen.
Und
da werden dem Lebenspartner und den Eltern Begründungen und (Schein)Fakten
dargelegt, um Geld für einen neuen Computer locker zu machen, daß
sich die Nackenhaare kräuseln.
Es
ist einfach ein „Wahnsinn” und ich ziehe meinen Hut vor den PR- und
Werbeleute dieser Branche, die es geschafft haben uns dahin zu bringen, wo wir
jetzt sind. Rechner und Programme zu kaufen, die wir eigentlich gar nicht
benötigen.
Wenn
ich da an die „Guten alten Zeiten” zurückdenke... Mein erster
PC war ein XT (8088 CPU, 4.77 MHz, 512 KB RAM und eine 20 MB Festplatte). Es
gab Textverabeitungsprogramme für unter 200,- DM (DOS), mit denen man
Briefe formatieren konnte, mit automatischer Silbentrennung,
Rechtschreibkorrekur und Serienbrieffunktion. Mit diesen Programmen konnte man
sogar schon Tabellen erstellen und in den Text einbauen. Ja..., und das ganze
Programm paßte locker auf eine 1.2 MB, 5¼ Zoll, Diskette. Das
Schöne an der Sache war nicht, daß die Programme so klein waren,
sondern daß das Programmladen nicht langsamer war als heute (eher
schneller) und daß die Systemabstürze im Verhältnis zu heute
eher selten waren. Ok, gehapert hat es an der Vielzahl der Schriften, man war
auf die Druckerschriften angewiesen, aber es hat gereicht.
Heute
dagegen kauft man sich Textverarbeitungsprogramme für weit über
1.000,- DM, die eine enorme Systemvoraussetzung brauchen. Schnelle Prozessoren
und einen zweistellige Megabyte Arbeits- und Festplattenspeicher. Und was wird
gemacht mit diesen Hyper-Textverarbeitungsprogrammen? Briefe werden
formatiert, mit automatischer Silbentrennung, Rechtschreibkorrektur und
Serienbrieffunktion. Ab und zu werden noch Tabellen und Grafiken in den Brief
eingebunden.
Sie
sehen, die Anforderungen in der Arbeit von 1983 zu der heutigen hat sich in
dieser Sparte kaum verändert. Verändert hat sich der
Anschaffungspreis des Programmes um das ca. fünffache und die
Leistungsfähigkeit des Rechners um das zigfache. Die meisten Funktionen
dieser modernen Textverarbeitungsprogramme werden gar nicht genutzt. Wozu denn
das alles???
Ich
will hier nicht die neuen Errungenschaften, die uns die EDV-Branche beschert
hat, verdammen. Es ist gut, daß es den Fortschritt und die Verbesserungen
gibt, aber seien wir wachsam, vieles ist nicht nötig und bringt vielleicht
nur unnötige Probleme mit sich.
Ihr
Jumper
Seit
Anfang ’99 gibt es die Kolumne „Speaker Corner” im Computer
Anzeiger, und aus diesem Grund will ich auch noch einen alten Bekannten zu Wort
kommen lassen.
Joachim
König
hat sich
Nach(t)gedanken
zur ENTER-Taste gemacht.
Wir
leben in einem Land der Bestätigungen. Zum Beispiel reicht es nicht, etwas
zu können - man muß es sich von einer Behörde, einem Amt, einer
Dienststelle und dergleichen bestätigen lassen, daß man etwas kann.
Nur so gelangt man in den Genuß eines Arbeitsplatzes, und dies nicht nur
im Öffentlichen Dienst, sondern auch auf dem freien Arbeitsmarkt, der
weder frei - Arbeitslose haben in der Regel keine Wahlfreiheit - noch ein Markt
ist, denn mittlerweile zählen Jugendlichkeit und mitunter auch das
Geschlecht beim Kampf um eine Anstellung weit mehr als das Können (anders
als in den USA, wo man zuerst auf die Fähigkeiten abgeklopft wird, bevor
man mit seinem Diplom Eindruck schinden kann).
Computerprogramme
sind davon nicht ausgenommen. Erst durch Bestätigung, d. h. durch
Drücken der ENTER-Taste, gelangt man in den oft zweifelhaften Genuß,
daß die jeweils benötigte Anwendung ihre Arbeit aufnimmt, wofür
sie programmiert wurde. Die T-Online-Software beispeilsweise zeigt sich nach
dem Absenden oder Abholen einer E-Mail erst dann wieder arbeitsbereit, wenn das
Fenster mit dem bekannten "OK"-Button gedrückt wurde. Da es außer
diesem keine Alternative gibt, sieht man sich gezwungen, ihn mit einem
Mausklick zu entfernen. Oder WINFAX. Aktiviert man den Fax-Controller, wird
ersteinmal gemeldet, daß die "Debug-Mode-File enabled" wurde, was
für den Anwender gänzlich ohne Bedeutung ist. Damit nicht genug: Als
Nächstes erscheint eine Meldung, daß die "TAPI" (was immer diese
auch sei) nicht geöffnet werden konnte und daher eine serielle
Schnittstelle für die Datenübertragung aktiviert würde. In
solchen Momenten erleide ich mehr oder weniger kleine Wutanfälle und
beschimpfe solche Anwendungen aufs Übelste. Sie nehmen mir das nicht
weiter krumm, was die Wut zur Quadratwut werden läßt. Wohin aber mit
dem Quadratärger?
Ich
erinnere mich an meinen Informatik-Grundkurs in der gymnasialen Oberstufe:
Schneider-PC 10 III-Computer, ohne Festplatte und Grafikkarte und mit maximal
640 Kilobyte Hauptspeicher bestückt, dafür aber zwei
Diskettenlaufwerke im 5,25-Zoll-Format und mit sagenhaften 360 Kilobyte
Speicherkapazität. Im Programmierkurs mit Turbo-Pascal 3.0 wurden die
ersten Mini-Programme zusammengeschustert, in Zeilencode, nachdem man tagelang
Struktogramme - also den theoretischen Programmablauf auf dem Papier - geplant
hatte. Wir wurden ständig ermahnt, sparsam zu programmieren, denn
Systemressourcen waren knapp und teuer, und ein Zuviel machte die Maschine noch
langsamer, als sie ohnehin schon war.
Ein
Genie vom Typ eines Linus Torwald (ich nenne hier bewußt nicht Bill
Gates, den großen Abschreiber) - dem Erfinder des sagenhaften LINUX - war
keiner von uns. Immer wieder verfing man sich bei der Übergabe von
Variablen, Konstanten und so weiter - egal, irgendwo hakte es immer. Und da kam
man auf eine exquisite Idee: Weil die Codes zensiert wurden, baute man alle
Naselang ein Klingelzeichen ein, so in etwa wie den Piepton, den jeder Computer
noch heute von sich gibt, wenn man ihn startet. Das ging mit der
Tastenkombination "STRG"". So klingelte es immer wieder, wenn wir unsere
geistigen Ergüsse vorführen mußten, was mitnichten bessere
Noten einbrachte, aber immerhin doch das Gefühl, seinen Kopf irgendwie
aus der Schlinge gezogen zu haben. Wir nannten das Spielchen "Vier gewinnt"
(die "Vier" stand für ein "Ausreichend").
Ich
habe jetzt einen ganz gehässigen Verdacht und überlasse es Ihnen,
lieber Leser, ihn zuende zu denken. Wenn Sie das getan haben, werden Sie
erahnen, warum man wieder und wieder die ENTER-Taste drücken (oder eine
andere, ebenso sinnlose Aktion) ausführen muß, damit es weiter geht.
Schließlich sind wir ja ein Volk des Geistes, nicht wahr?
Ihr
Joachim König